Für Christa Knott: Licht – Bilder
Mit dem Begriff „Photographie“ habe ich – ausschließlich im Deutschen und ausschließlich was die Schreibweise betrifft – so meine Liebe Not.
Aktuelle, kontemporäre und „neue“ Rechtschreibungen, an die ich mich zu halten nicht mal denke, kommen (zum Teil schon seit 1901) mit zwei F s daher, also Fotografie ebenso wie auch Grafik, sobald das bei Filosofie (oder doch: Viel-osofie?) landen wird, wandere ich aus.
Ja, im Italienischen heißt es sehr wohl filosofia, dort gibt es kein Ph und es gab auch nie eins. Hier aber – bleibe ich altmodisch, Vögel haben gefälligst keine Vlügel und die Olympiade ist der Zeitraum zwischen den Spielen, Spaghetti hat ein H nach dem G weil man sonst „Spagschetti“ dazu sagen müßte.
Inhaltlich jedoch ist mir die Photographie unendlich nahe, und wenngleich eine halbwegs funktionierende Digitalkamera nebst Computer und Bildbearbeitungsprogramm aus nahezu jedem und jeder eine/n Künstler/in zu machen imstande wäre, gibt es keinen Zweifel daran, daß die Technik des „Lichtbilds“ zu den künstlerischen Medien zu zählen ist.
Gut, gut, Kunst, wie jedes Motiv, das eine Geschichte hat, ist nicht final zu definieren, daher versuche ich es an dieser Stelle gar nicht sondern bleibe bei dem, wofür Kunst heute auch steht: Ein Etikett der Aufwertung.
Ein Blick auf die Herkunft des Worts Photographie und der Sache führt erstmal zum Griechischen φῶς, phos, im Genitiv: φωτός, photos, was soviel meint wie das Licht der Himmelskörper oder Helligkeit, und γράφειν, graphein, also zeichnen, ritzen, malen, schreiben. Trocken interpretiert handelt es sich um eine bildgebende Technik, die bis ins 20. Jahrhundert für rein durch Licht auf chemisch behandelten Oberflächen entstandene „Zeichen“ stand. Wir kennen „Papierbilder“ (Abzüge), Positive, Negative, Dias, Film, Folie, und es ist uns einigermaßen klar, daß mit dem optischen Verfahren, um das es geht, Linsen, Objektive und ähnliches zu tun haben.
Ein wenig davon kannte bereits Jan Vermeer, ein wenig mehr haben die letzten Generationen zwischen analoger und digitaler Photographie miterlebt.
Der erste behauptete Tod der Malerei wurde durch die aufkommende Photographie bestimmt, in einer Epoche, die sich dann vom Impressionismus geprägt zeigte, und ich bin durchaus der Ansicht, daß Kain und Abel in der Version Malerei und Photographie (alphabetisch gereiht) sehr gut miteinander auskommen, ja sogar immer wieder voneinander profitieren: Das Prinzip ist ja doch dasselbe, malen mit Licht. Wer bildlich – in Bildern – zu denken und schaun imstande ist, der muß sich nicht auf ein einziges Medium setzen. Beide Systeme setzen auf ein- und dieselbe Maxime: ein Bild, das stillsteht (oder: stillzustehen scheint), eine ganze Geschichte auf einen einzigen Punkt gebracht, die Essenz in eben diesem Moment eingefroren, immer erneut abspielbar wie ein Lied, durch Betrachtung, wieder und wieder und wieder.
Ist das Technische in der Photographie ein Minus verglichen zum Zeichnen respektive Malen, das deutlich weniger Ausrüstung benötigt? Hat man von der Malerei zum Beispiel – im selben Maß wie von der Photographie – vordringlich eine Abbildung der Welt, wie sie ist verlangt? Ja ist es überhaupt möglich, eine objektive, das heißt allgemein gültige Abbildung auch nur eines Teils der Welt einzufangen, in welchem Medium immer?
Sehen wir uns doch mal kurz quer durch die Geschichte die gemalten Bilder an, finden wir da wirklich die Wirklichkeit – oder eher eine je persönliche Interpretation?
Photographieren geht irre schnell: Klick, Auslöser, festgehalten.
Wäre das alles könnte man die Sache als „einfach“ bezeichnen und jedweder (ausnahmsweise nicht verwackelter) Schnappschuß bewiese sich als geniales Ding.
Die Momentaufnahmen, die knappen, klaren Dokumente, wer kennt und bewundert sie nicht: der Soldat, der über den Stacheldrahtzaun in Berlin springt, als es noch Ost und West gab; die Bilder aus Vietnam; 9/11; und das Hochzeitsphoto der Nichte (irgendeiner, irgendwo), wie sie ihren Bräutigam (irgendeinen, irgendwo) küßt.
Alles dasselbe?
Neben der einen und großen Besonderheit der Photographie, der Dokumentation, des Festhaltens, Aufhebens simpler, großartiger, monströser, überwältigender, grauenhafter Augenblicke haben sich längst andere Darstellungen etabliert, etwa peinlich genau inszenierte Bilder, die das Konsumverhalten optimieren sollen oder Informationen in Richtung angesagter Bekleidung verbrämen.
Künstlerinnen und Künstler des Metiers arbeiten in sämtlichen dieser Abteilungen, ein Löwenanteil des Tuns geschieht in der Dunkelkammer oder vor dem Computer.
Christa Knott malt mit dem Licht, beziehungsweise, was ihr wohl besser gefiele, sie meißelt mit dem Licht.
Für Knott ist die simple, erste Aufnahme, die überhaupt nicht simpel ist, lediglich Ausgangspunkt einer viel komplexeren und elaborierten Komposition und Thematik.
Über ihre Arbeit sagt sie selbst:
„Die fotografische, realistische Momentaufnahme ist Teil eines langen Prozesses, der mit der langwierigen Suche nach geeigneten Objekten beginnt. Ich suche meine Kadaver (Roadkills) vorzugsweise im Weinviertel, an den Stränden der Adria und in der Lagune von Venedig. Durch Nichtakzeptanz von Vorgefundenem verändere, drapiere und plaziere ich die Objekte vor dem Foto. Anschließend stelle ich die Tiere mit dem Computer frei, wobei mir die sehr genaue, aufwendige, langwierige Arbeit wichtig ist, einem Bildhauer gleich, der mit Stemmeisen und Hammer das Wesentliche aus dem Material herausarbeitet, das Unwichtige entfernt, so wie ich die Umgebung entferne und mit neutralem Schwarz fülle. Meine Fotografien sind Stilleben, die weder Nahrung, Jagd, carpe diem, Vanitas oder Memento Mori-Begriffe thematisieren, sie sind zweidimensionale Skulpturen mit ästhetischer Bildregie, wobei der Schöpfungsakt, das Spiel mit der Natur, das Prozessuale, essentiell ist.“
Knotts Oeuvre ist Beispiel für die Möglichkeit, über photographische Techniken unnachahmlich persönliche Bildsetzungen zu erreichen.
Hier weist das „nicht mehr Lebendige“, das erst gefunden werden will, zurück auf Leben und Tod und somit auf die einzigen wirklichen Kernpunkte der Bildenden Kunst. Kein mahnender Zeigefinger, keine Nänie, kein sentimentaler Seufzer, kein Ausweg: Es ist so, wie es ist, wie die Künstlerin es uns zeigt. Überbleibsel, Details einer Welt im permanenten Wandel, in der wir bestenfalls klägliche Gäste sind.
Aber – das Paradies ist jetzt.
Marion Elias, Jänner 2013